Hinter dem Begriff „Rheuma“ verbergen sich rund 450 verschiedene Krankheiten, die zudem noch höchst unterschiedliche Ursachen haben. Man unterteilt die verschiedenen rheumatischen Erscheinungsformen in vier Hauptgruppen: 1. Degenerative Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen (Arthrose / Bandscheibenschäden); 2. Entzündlich-rheumatische Erkrankungen, zu denen die rheumatoide Arthritis und der Morbus Bechterew (degenerative Wirbelsäulenerkrankung) zählen; 3. Stoffwechselerkrankungen mit rheumatischen Beschwerden wie beispielsweise Gicht und 4. Weichtteilrheumatismus (z.B. Fibromyalgie). Allen gemeinsam sind fließende, ziehend und reißende Schmerzen des Stütz- und Bindegewebes, die sich auch mit Medikamenten nur schwer in den Griff bekommen lassen, sich oft schubweise verschlechtern, und in vielen Fällen über die Entzündungsreaktionen zu degenerativen Veränderungen vor allem in den Gelenken führen. Während die degenerativen Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen mit zunehmendem Alter häufiger auftreten, kann die entzündlich-rheumatische Form auch schon Kinder betreffen.

Die rheumatoide Arthritis (RA) ist die häufigste entzündliche Gelenkerkrankung, allein in Deutschland gibt es rund 800.000 Erkrankte. Dazu kommen rund 150 bis 300 Tausend Menschen mit einem Morbus Bechterew. Während die rheumatoide Arthritis Frauen drei mal häufiger betrifft, ist es beim Morbus Bechterew genau umgekehrt. Der Häufigkeitsgipfel für den Beginn der rheumatoiden Arthritis liegt zwischen dem 35igsten und 45igsten Lebensjahr, beim Morbus Bechterew etwa zehn Jahre früher. Beide Erkrankungen sind nicht heilbar, belasten die Patienten sehr, können aber mit verschiedenen Therapien behandelt und gebessert werden.

Die Ursache
ist im Detail noch nicht geklärt. Es handelt sich wahrscheinlich um einen sogenannten Autoimmunprozess, bei dem sich Zellen des Immunsystems gegen den eigenen Körper richten. Eine genetische Veranlagung ist wahrscheinlich, beim Morbus Bechterew spielen auch noch Umwelteinflüsse eine Rolle.

Die Diagnose
Sie wird gerade bei den entzündlich-degenerativen Rheumaerkrankungen oft zu spät gestellt. Patienten mit Rheumatoider Arthritis landen erst nach durchschnittlich drei Jahren bei einem Rheumatologen, Bechterew-Patienten sogar erst nach durchschnittlich sieben Jahren. Dabei kann eine frühzeitige Behandlung degenerative Spätschäden verzögern. Erste Hinweise geben die vom Patienten geäußerten Beschwerden: Morgensteifigkeit in den Fingern beider Hände, gelegentlich auch der Zehen. Die Gelenke sind geschwollen und entzündlich überwärmt, an den Gelenken finden sich Rheumaknoten. Beim Morbus Bechterew sind Rückenschmerzen und Entzündungen im Kreuzbeingelenk typisch. Begleitend klagen die Betroffenen über wiederkehrende Entzündungen der Regenbogenhaut (Iridozyklitis). Bei der Laboruntersuchung des Blutes sind CRP und BSG (beides Laborwerte, die unspezifisch auf eine Entzündung hinweisen) erhöht, oft haben die Patienten eine Anämie. Bei 80 Prozent der RA-Patienten lässt sich der sogenannte Rheumafaktor (Verbindung eines Antikörpers mit einem körpereigenen Eiweißstoff) nachweisen. 95 Prozent der Bechterew-Patienten sind HLA-B27 positiv (ein in der Zellmembran verankertes Glykoprotein, das zu den Immunglobulinen gezählt wird). Der Nachweis beider Faktoren kann jedoch nur die Verdachtsdiagnose unterstützen, denn solche Faktoren lassen sich auch bei Gesunden nachweisen. Im Röntgenbild erscheinen die Knochen der betroffenen Gelenke entkalkt, im Gelenkbereich aber verdichtet und sklerosiert: Die Gelenke wirken manchmal wie angenagt, beim M. Bechterew ist eine knöcherne Überbauung der Gelenke typisch. Normale Gelenkbewegungen sind meist nicht möglich. All dies führt zu einer deutlichen Einschränkung der Gelenkfunktion. Die Diagnose einer entzündlich-degenerativen Rheumaerkrankung wird erst durch die Zusammenstellung dieser Befunde gestellt:

Die Therapie
Am wichtigsten ist hierbei die Schmerzbekämpfung und der Erhalt der Beweglichkeit. Die Betroffenen sind meist täglich auf schmerzstillende Medikamente (meist sog. NSAR) angewiesen, akute Schübe können mit hochdosiertem Cortison abgefangen werden. Ganz wesentlich ist die regelmäßige Krankengymnastik, Physio- und Ergotherapie. Zusätzlich versucht man, die „falsche“ Immunreaktion durch eine sogenannte Basistherapie zu beeinflussen. Hier gibt es eine Reihe von Medikamente, die jedoch alle deutliche Nebenwirkungen haben, und deshalb nur bei gesicherter Erkrankung zum Einsatz kommen:

  • Antimalariamittel und Goldpräparate
  • Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken (bspw. Cyclosporin A) Zytostatika, Zellgifte, die auch in der Krebstherapie eingesetzt werden (bspw. Methotrexat, Azathioprim)
  • Neu: sog. Biologika, gentechnisch hergestellte Eiweißsubstanzen, die gezielt entzündungsfördernde Botenstoffe ausschalten und damit spezifisch in die Regulation des Immunsystems im Körper eingreifen (bspw. TNF-Alpha-Hemmer, Interleukin-1-Hemmstoffe)
  • Alle Basistherapeutika können den Krankheitsverlauf verlangsamen und sogar stoppen.

Biologika
Die größten Hoffnungen setzt man auf die Biologika, die es erst seit einigen Jahren gibt, und nach bisherigen Studien gut verträglich sind, zugleich den Krankheitsprozess, vor allem die Gelenkzerstörung, am wirkungsvollsten stoppen können. Der Nachteil: es gibt keine Langzeitergebnisse (die größte Studie in Deutschland läuft seit 2001), sie greifen in das körpereigene Abwehrsystem ein und machen die Patienten unter Umständen anfälliger gegen andere bakterielle und virale Erkrankungen (vielleicht auch gegen Krebs???). Und sie sind sehr teuer.

Derzeit wird die Therapie mit Biologika empfohlen:

  • Bei RA. Aktive Erkrankung und Versagen von zwei konventionellen Basistherapeutika, eines davon Methotrexat. Behandlungszeitraum mindestens sechs Monate.
  • Bei Morbus Bechterew: Diagnose besteht seit mind. sechs Monaten, erhöhter Aktivitätsindex seit mind. 2 Monaten unter maximal dosierter Therapie mit NSAR
  • Für beide: Kontinuierliche Dokumentation und Betreuung durch einen rheumatologisch ausgebildeten Arzt oder eine Einrichtung.

Grundsätzlich: je früher eine individuell angepasste Therapie begonnen wird, umso besser lassen sich schwerste Gelenkschäden und die Einschränkung des Lebens bis hin zur Berufsunfähigkeit, Berentung und Invalidität verhindern.
Vorbeugung

Wirklich vorbeugen kann man einer entzündlich-degenerativen Rheumaerkrankung nicht. Regelmäßige Bewegung bis ins hohe Alter und eine gesunde Ernährung kann jedoch anderen Rheumaformen vorbeugen. Nach neuesten Erkenntnissen des Deutschen Rheuma-Foschungszentrums in Berlin haben Raucher allerdings ein höheres Risiko an einer rheumatoiden Arthritis zu erkranken als Nichtraucher. Zusätzlich ist bei ihnen der Krankheitsverlauf häufig schwerer und der Behandlungserfolg geringer.

Auch Kinder können an Rheuma erkranken – vielen Betroffenen und leider auch manchen Ärzten ist das nicht bewusst, und so dauert es oft lange, bis eine korrekte Diagnose gestellt und eine angemessene Behandlung eingeleitet wird. Die Folgen der Fehldiagnosen sind weit reichend – denn Rheuma kann am besten bekämpft werden, wenn es früh erkannt wird. Die Bezeichnung „Kinder-Rheuma“ umfasst verschiedene Erkrankungen von Gelenken und Bindegewebe. Diese können sich vom Rheuma des Erwachsenen unterscheiden, was bei Diagnose und Therapie beachtet werden muss.

Am häufigsten leiden an Rheuma erkrankte Kinder unter Entzündungen der Gelenke (Arthritis); gerade rheumatisches Fieber tritt vor allem im Kindesalter auf. Doch auch Augen (Rötung, Schmerz, Tränenfluss, Lichtempfindlichkeit), Haut, Muskulatur und innere Organe können betroffen sein. Da das Rheuma mit Schmerzen einhergeht, nehmen PatientInnen häufig eine Schonhaltung ein, so dass sie zum Beispiel hinken oder Stifte unüblich greifen.

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